Lesen im Kindergarten: Ein SN -Streitgespräch!
Lesen im Kindergarten?
Lesen im Kindergarten: Ein SN -Streitgespräch
Müssen Fünfjährige lesen können? „Ja, unbedingt“, sagt der Lernpsychologe.
Die Kindergartenpädagogin warnt vor Leistungsdruck.
Susanna Pollstötter Kinder würden in den Kindergärten verblöden und von Bildung ferngehalten.
Mit dieser Aussage sorgte der Salzburger Lernpsychologe Herbert Fartacek (Pädagogische Hochschule) unter den Salzburger Kindergartenpädagogen für Aufruhr. Sprecherin Maria Zeilinger nennt es Verleumdung. Die SN baten zum Gespräch.
Frau Zeilinger, verblöden Kinder in den Kindergärten?
Zeilinger: Nein. Ich weiß nicht, wo Sie das herhaben, Herr Fartacek. Sie haben nie im Kindergarten gearbeitet,
kommen nicht aus der Kindergartenpädagogik und urteilen so über unsere Arbeit. Das ist unfair und unqualifiziert.
Der Kindergarten hat differenzierte Aufgaben, etwa ergänzende Familienerziehung, eine ganzheitliche Förderung
und natürlich die Förderung der Schulfähigkeit, aber ohne Schulunterricht.
Das Positive am Kindergarten ist doch, dass die Kinder dort ohne jeden Leistungsdruck und ohne Angst arbeiten.
Fartacek: Vorweg tut es mir leid, dass Sie meine Aussagen so persönlich nehmen. Es hat ja nicht geheißen, dass der Kindergarten schlecht ist und die Pädagogen schlecht arbeiten, sondern dass wir derzeit etwas auslassen, das lernpsychologisch und bildungspolitisch ein Wahnsinn ist – das Lesen im Vorschulbereich.
Übrigens habe ich für diese Lesestudie, die meiner Forderung vorausgeht, vier Jahre lang im Kindergarten gearbeitet. Ich weiß, wovon ich rede.
Aber warum müssen Fünfjährige lesen können?
Fartacek: Wir haben in Österreich seit 50 Jahren 15 bis 20 Prozent Menschen, die nur sehr schlecht lesen können. Und daran ist auch unsere Schmalspurpädagogik vom letzten Jahrhundert schuld. Das wollen wir ändern, denn Lesen ist eine Schlüsselkompetenz in unserer Bildungsgesellschaft. Jetzt gibt es systematische Leseprogramme. Ich verstehe nicht, warum Sie sich, Frau Zeilinger, so dagegen wehren. Warum sollen wir nicht das Lesen fördern, genauso wie wir im Kindergarten das Singen oder Spielen fördern?
Was spricht gegen das Lesen im Kindergarten, Frau Zeilinger?
Zeilinger: Ich wehre mich wirklich entschieden dagegen, dass man sagt, das Kind muss das und das können, wenn es aus dem Kindergarten kommt. Bisher hat es geheißen, dass Kinder erst Ende der zweiten Klasse lesen können müssen.
Jetzt plötzlich sollen sie schon vor der Schule lesen können. Das setzt die Kinder, die in ihrer Entwicklung noch nicht so weit sind, nur unnötig unter Druck. Vorstufen des Lesens werden im Kindergarten ohnehin gefördert.
Wir schauen, dass sie Symbole erkennen und zuordnen können. Das ist eine Vorbereitung aufs Lesen.
Was ist das Ziel? Ist das genau definiert? Müssen Fünfjährige sinnstiftend lesen können, Herr Fartacek?
Fartacek: Nein. Es gibt Vorstufen zum Lesen. Sie sollen ein- und zweisilbige Wörter mit lang gesprochenen Vokalen lesen können. Wie Mama, Opa, Susi, oder zum Beispiel Ina und Ali.
Frau Zeilinger, können das die Kinder nicht ohnehin?
Zeilinger: Die meisten können Opa, Mama, Papa und ihre Namen lesen. Wichtig ist mir die individuelle Förderung, schauen, wo steht das einzelne Kind und es von dort auf den nächsten Schritt vorzubereiten. Kinder kommen nicht alle gleich in die Schule. Das ist unmöglich.
Eine Frage an Sie, Herr Fartacek: Wie soll der Leseunterricht in der Praxis ausschauen?
Fartacek: In einem Halleiner Kindergarten wird das schon praktiziert, Dort wird gelesen, aber spielerisch mit Emotionen und Lust. Die haben Buchstaben, mit denen sie Wörter legen. Die Kinder sind davon nicht wegzubekommen. Es begeistert sie. Man lernt das Lesen bei dieser Methode über die Zuordnung der Buchstaben zu Silben. Das lernen Kinder erst über Klatschen und Singen, sowie über Takt und Bewegung. Es muss systematisch passieren.
Zeilinger: Das wird doch in vielen Kindergärten gemacht!
Fartacek: Ja, aber ohne System.
Und Sie wissen genau, in der Stadt Salzburg werden in Kindergärten nicht einmal Arbeitsblätter verwendet, kein Leseprogramm angeschafft. Weil man in der Stadt Salzburg der Meinung ist, Lesen lernen ist nicht Aufgabe des Kindergartens. Und das unterstützen Sie, indem Sie sagen, wir lesen nur mit denen, die lesen wollen. Aber mit einem systematischen Lesetraining hätten alle zumindest eine Grundausstattung fürs Lesen.
Aber warum müssen Fünfjährige bereits trainiert werden?
Fartacek: Die haben doch ihre Kindheit. Ich habe ihnen von Hallein erzählt. Niemand wird dort gedrillt.
Kinder sollen einerseits schon mit fünf Lesen können, andererseits können viele Kinder ausländischer
Herkunft nicht einmal die deutsche Sprache. Wie geht das zusammen?
Fartacek: Es ist schon ein größerer Aufwand mit Kindern mit einer anderen Erstsprache als deutsch. Aber das Lesen kann beim Erlernen einer Sprache auch hilfreich sein, eine Denkhilfe. Dass die nicht so weit kommen, ist klar, weil die Stufen der Sprachentwicklung nicht übersprungen werden können. Trotzdem könnte man die Zahl der Leseschwachen mit Leseförderung im Kindergarten auf fünf Prozent senken.
Wie können Eltern ihre Kinder zu Hause fördern?
Fartacek: Sehr wichtig ist das Vorlesen. Dabei lernen Kinder schon mit zwei Jahren Bilder, Zahlen und Buchstaben zu unterscheiden.
Zeilinger: Mit den Kindern zum Beispiel regelmäßig Reime aufsagen ist auch sehr wichtig. Absolut, denn durch den immer gleichen Klang des Worts erkennt das Kind im Lauf der Zeit, bestimmte Laute im Vergleich zu anderen zu unterscheiden.
